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Eine Kurzgeschichte
über Klimaauswirkungen |
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Die Linie
Eric starrte auf den
Bildschirm. Was war das? Seit er dem Venus-Projekt beigetreten war,
hatte er so etwas noch nicht gesehen. Er betätigte die Maus und
verschob den Bildausschnitt nach oben. Es war auch hier zu sehen. Am
westlichen Rand der orangefarbenen Hochebene zog sich eine schmale
Linie entlang. Ihr Verlauf folgte dem Bergkamm. Leicht
unregelmäßig, doch ungewöhnlich geradlinig. Mit zwei
Mausklicks zoomte er in das Bild. Die Erhebung war überall
gleichmäßig breit. Als Geologe hatte er keine Erklärung
für dieses Phänomen. Täuschten ihn seine Augen? Ist dies
eine Rinne und keine Erhöhung? Ein Mausklick auf das
Isometrie-Symbol blendete neue Daten ein. Höhenlinien zeigten
jetzt die Höhenwerte an. Es handelte sich eindeutig um eine
schmale Erhebung.
Die Karte war nicht neu, doch scheinbar hatte dies noch keiner vor ihm
wahrgenommen. Die Venus ist von einer so dichten Atmosphäre
umhüllt, dass kein irdisches Teleskop sie durchdringen kann. Die
Bilder waren Aufnahmen der Ende der achtziger Jahre gestarteten
Magellan-Sonde. Mit einem Höhenmessgerät wurde bei der
Mission die Topographie direkt unter der Sonde auf bis zu 10 Meter
genau bestimmt. Das zur Seite blickende Radar konnte noch Details bis
zu 120 Metern erkennen. Die Sonde hatte seit 1990 an so viele Male die
Venus umrundet, dass sehr umfangreiches Kartenmaterial entstanden war.
Jetzt hatte man diese Karten wieder hervorgeholt. Eine neue
Venus-Mission stand bevor und musste gut vorbereitet werden. So war
Eric kurzfristig an diesen Job gekommen.
Er trank einen Schluck Kaffee und verfolgte die Linie weiter nach
Süden. Dort, wo das westliche Bergmassiv endete und das
große Hochplateau im Süden von einem zweiten Gebirgszug
begrenzt wurde, machte auch die Linie einen Bogen nach Osten und folgte
dem neuen Gebirge. Erics Spannung erhöhte sich. Er übersprang
etliche Karten und wandte sich der südöstlichen Ecke der
Hochebene zu. Er hatte es gewusst, dasselbe passierte an der
südöstlichen Begrenzung: Die Linie zog auf den Berggipfeln
des östlichen Gebirges weiter nach Norden.
Das hieß, die Linie musste sich über mehrere tausend
Kilometer erstrecken.
Das Teleskop
Vreda erhob sich von dem schmalen Sitz, schaltete das Licht ein und
blinzelte. Schon lange hatte sie das Teleskop nicht mehr benutzen
können. Die letzten Stunden waren jedoch außerordentlich
windstill und klar gewesen. Wenn man die leichte Gelbfärbung des
Himmels als klar bezeichnen konnte. Sie hatte ihn daher gut ausmachen
können, den blauen Planeten. Sogar seine weißen
wolkenähnlichen Bänder meinte sie erkannt zu haben. Mit etwas
Glück hatte sie wahrnehmen können, dass die Polkappen
weiß bedeckt waren.
Ein wunderhübscher Ort, Vreda lächelte. Es hatte lange
gedauert, bis man genug Geld zusammen hatte, um eine Sonde zu dem
blauen Planeten zu starten. Aber jetzt war es so weit. In den
nächsten Stunden würde die Sonde den Planeten erreichen und
in eine Umlaufbahn einschwenken.
Eigentlich ein seltsamer Planet. Er dreht sich über zweihundert
mal schneller als der eigene und scheint an einigen Stellen von Eis
bedeckt zu sein. Ihr Vater hatte früher erzählt, auch hier
Eis gesehen zu haben. Auf dem Maxwell Montes soll es riesige
Schneeflächen gegeben haben. Das konnte sich jetzt keiner mehr
vorstellen. Sie wischte sich den Schweiß von der Stirn. Obwohl
sie sich gerade in der Nachtphase befanden, war es noch
ungewöhnlich heiß.
Sie musste sich beeilen. Gleich würde ihre Schwester Leonie
kommen. Sie arbeite in Ovda Regio auf Aphrodite Terra und war fast um
den halben Planeten geflogen, um Vreda zu besuchen. Als
Entwicklungshelferin hatte ihre Schwester nicht das Geld, um oft nach
Hause zu kommen. Hier auf dem Lakshmi-Plateau würde sie sich
etwas erholen können, hoffte Vreda.
In der Ferne war das Licht von Autoscheinwerfern zu erkennen. Das
musste Leonie sein. Vreda blickte den Hügel hinab. Das Teleskop
war auf einer kleinen Erhöhung am nördlichen Rande des
Plateaus errichtet. Früher hatten hier bedeutende Forscher
gearbeitet, doch als die Städte näher rückten und mit
ihnen die Lichter und der Smog, hatte man die Forschungsstation
aufgegeben und sie den Studenten überlassen. Vreda war fasziniert
von den alten Aufzeichnungen und Photos, die hier noch hingen. In den
Nachtphasen hatte in diesem Gebäude ein Heer von Astronomen und
Physikern gearbeitet.
Es hupte. Sie verließ das Observatorium und sprang die Treppen
hinunter. Schon von weitem konnte man das alte Auto hören und bald
auch den starken Dieselgeruch wahrnehmen. Wo hatte Leonie schon wieder
diesen billigen Sprit aufgetrieben? Ihre Schwester sprang aus dem Wagen
und bald lagen sich beide in den Armen.
„Dünn bist du geworden“, meinte Vreda vorwurfsvoll. „Doch nur um
Deinem Essen etwas entgegenzusetzen“, erwiderte Leonie lächelnd.
Das wenige Gepäck war bald ausgeladen.
Vreda ergriff eine Tasche. „Du erinnerst dich bestimmt noch an Max, den
Meteorologen. Er kommt heute vorbei und dann gibt es ein schönes
Essen. Ich habe schon alles vorbereitet“.
Gemeinsam gingen sie zu einem der ehemaligen Gästehäuser.
Verwerfungen
In Erics Brille spiegelte sich die orange Farbe der Karte wieder. Die
Tönung sollte den optischen Eindruck des Sonnenlichts auf der
Venusoberfläche vermitteln. Welche natürliche Ursache konnte
solche Erhebungen erzeugen? Eric rieb sich die Stirn. Eine
künstliche Entstehung war unmöglich. Die untere
Venusatmosphäre ist höllisch heiß, um die 460 Grad
Celsius und es herrscht enormer Druck. Hier gibt es kein Leben. Zudem
liegt der CO2-Gehalt der unteren Venusatmosphäre bei ca. 96% im
Gegensatz zu den 0,03% auf der Erde. Na ja, wenn auch bei der Erde
stark ansteigend. Eric schüttelte den Kopf und entschied, dass es
Verwerfungen sein mussten. Er rief seine Kollegen.
Strömungen
Das alte Gästehaus machte einen etwas heruntergekommenen Eindruck,
aber für eine Studentenbude war es sehr komfortabel. „Du hast ja
fließendes kaltes und heißes Wasser!“, rief Leonie.
„Wieso?“ Vreda wunderte sich. „Das ist doch völlig normal.“ „Nicht
dort, wo ich jetzt herkomme“, erwiderte Leonie. Während sie die
Dusche genoss, bereitete Vreda das Essen vor. Ihr wurde schon wieder zu
warm. Sie schaltete gerade die Klimaanlage höher, als sie Max
hörte. „Ich komme doch nicht zu spät?“ Max schaffte es meist,
so in seine Arbeit zu versinken, dass er die Zeit völlig
vergaß. „Wir haben heute erfolgreich unsere Wetterballons
eingeholt und werten sie gerade aus. Dabei haben wir eine neue Schicht
mit schwefelhaltigen Gasen entdeckt. Das ist mindestens eine kleine
Veröffentlichung zum Thema saurer Regen wert.“
„Nimmst Du bitte die Schüssel und stellst sie auf den Tisch“,
unterbrach ihn Vreda. „Was gibt es denn?“ fragte Leonie aus dem Bad.
„Das duftet nach lang vergessenen Genüssen.“ „Allerbestes
Rindfleisch aus Beta Regio. Die Preise sind wieder gesunken, seit sich
die neuen Rinderarten verbreitet haben.“ Vreda schaltete die alten
Neonfluter aus und zündete ein paar Kerzen an. „Letztes Jahr erst
haben sie diese hitzeresistenten, genetisch veränderten Rinder
gezüchtet und schon ist das Fleisch wieder erschwinglich.“
„Mit neuen Arten alleine ist es auch nicht getan“, Leonie
begrüßte Max und setzte sich an den Tisch. „Bei uns
hätte man einfach nicht genug Wasser, um Rinder und Weiden am
Leben zu erhalten.“ „Ach, es gibt jetzt ganz neue Tiefbohrtechniken“,
Max mischte sich ein. „Grundwasserpumpen bis auf 1000 Meter Tiefe sind
keine Seltenheit mehr und wenn der Wasserspiegel sinkt, geht’s auch
noch tiefer.“ „Nun wird aber gegessen“, Vreda schob ihrer Schwester die
größte Portion zu. „Ihr ernährt Euch auf Aphrodite
Terra wahrscheinlich nur von Hirse und Maniok. Kein Wunder, dass die
meisten zu uns auswandern möchten.“
Leonie griff in ihre Tasche und zog eine schmale Schachtel hervor. „Das
sind meine Tabletten gegen die Hitze. Sie kosten ein Vermögen dort
unten.“ „Dann lass sie doch heute aus, hier ist es kühl
genug.“ Erst jetzt fiel Vreda auf, dass die Klimaanlage nicht mehr
summte. „Der Strom muss ausgefallen sein und mit den Kerzen haben wir
es nicht gemerkt.“
Max nahm eine der Kerzen und machte sich auf den Weg nach
draußen. Bald hörte man, wie der Dieselgenerator ansprang
und sich die Klimaanlage wieder in Gang setzte. „Zum Glück gibt es
immer reichlich Diesel.“ triumphierte Max, als er wieder hereinkam.
„Der Energieaufwand zur Förderung und Reinigung steigt zwar, aber
solange man genug Energie hat, ist das kein Problem.“ „Und
natürlich gibt es auch immer wieder Leute, die das billige
schwefelhaltige Zeug nutzen“, neckte Vreda ihre Schwester. „Aber jetzt
erzähl etwas von Deiner Arbeit, hier hört man ja nichts.“
Leonie ließ sich das nicht zweimal sagen. „Vier Jahre
hintereinander Dürre. Ihr könnt Euch gar nicht vorstellen,
was man alles anstellt, um Nahrung heranzuschaffen…“ Schnell vergingen
die nächsten Stunden.
Schwarze Schimmel
Die Kollegen von Eric waren nicht zu begeistern. „Verwerfungen
außerhalb der tektonischen Zone der Venus - unmöglich.“
„Auch vom Wind herausmodellierte härtere Gesteinsschichten gibt es
dort nicht. Das ist ein Planet ohne Wasser und mit wenig Winden.“
„Lavakanäle“, schlug jemand vor. Doch Eric widersprach. „Das ist
eine Erhebung und außerdem sind von Lava geschaffene Rillen auf
der Venus eher sinusförmig.“ Schnell war man ratlos. Das
widersprach allen Erfahrungen.
„Besser ihr konzentriert Euch auf die
Aufgaben, für die wir bezahlt werden.“ beendete der Projektleiter
bald die Überlegungen. So schnell die Diskussion entstanden war,
starb sie ab. Digitale Kratzer, das war der einzige Tipp, mit dem man
Eric zurückließ.
Die Sonde
„Schon so spät.“ Vreda trank ihren letzten Schluck Wein. „Wir
müssen unbedingt die Nachrichten sehen. Bestimmt berichten sie
live aus dem Maxwell Space Center. Die Sonde muss jeden Augenblick die
ersten Photos senden. Das wird zudem ein paar der dringend
benötigten Gelder loseisen.“ Max schaltete den Fernseher an. Noch
flimmerte ein Werbespot für ein Mittel gegen Atemwegserkrankungen
über den Bildschirm, doch die Nachrichten ließen nicht lange
auf sich warten. Top Thema war der neuste Terroranschlag. Bald begann
der Wahlkampf und von der Regierung wurden schnelle Lösungen zur
Verbesserung der inneren Sicherheit erwartet.
Endlich erfolgte die Live-Schaltung ins Space Center. Doch die Stimmung
dort war das Gegenteil von euphorisch. Man hatte seit Stunden den
Kontakt zur Sonde verloren. Als es jetzt zur Gewissheit wurde,
erklärte ein Sprecher: „Die Sonde zum blauen Planeten ist in der
Atmosphäre verglüht.“ Er räusperte sich und fügte
hinzu. „Die Raumfahrt und die Planungen der Besiedlung anderer Welten
werden aus Kostengründen bis auf weiteres eingestellt.“ Vreda
schluckte schwer. Der Traum einer zweiten Venus, dieser Traum war
vielleicht ausgeträumt.
Schon erschienen die Bilder der nächsten Meldung. Transparente
schwingende Menschen hatten sich vor dem Parlamentsgebäude
versammelt. Der Nachrichtensprecher erläuterte: „Kommen wir zum
Thema Wasser- und Armutsflüchtlinge. Das Augenmerk richtet sich
immer mehr auf den Plan zum Aufbau einer großen Ishtarischen
Mauer. Ein auf den Bergkämmen errichtetes Bollwerk würde den
Zustrom kontrollieren helfen. Neueste … „
Max schaltete den Fernseher aus.
Die Mauer
Irgendwo hatte er schon von einer solchen Linie gehört. Eric rief
den Browser auf und surfte im Internet. Auf Wikipedia fand er es: „Am
24.November 2004 fotografierte der Astronaut Leroy Chiao auf der
Internationalen Raumstation ISS einen schneebedeckten Teil von China.
Auf der Aufnahme erkannte man einen dünnen, weißen Streifen:
Einen Teil der Chinesischen Mauer!“
2007
© die-klimaschutz-baustelle.de
[1] Planeten, Wanderer im All, Kenneth R. Lang, Charles A. Whitney,
Springer Verlag, 1993
[2] Planetenwelten, Eine Endeckungsreise durch das Sonnensystem, David
Morrison, Spektrum Akademischer Verlag GmbH Heidelberg Berlin, 1999
[3] http://de.wikipedia.org/wiki/Chinesische_Mauer
[4] http://de.wikipedia.org/wiki/Venus(Planet)
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