Der Trüffelhund
oder Das Ende der Nachhaltigkeit
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Ich hob die Nase. Von der alten Steineiche wehte feiner Trüffelgeruch herüber. Die Herbstsonne schien durch die lichten Baumkronen und warf goldene Muster auf den Waldboden. In einem sanften Rhythmus bewegten sich die knorrigen Äste der windschiefen Eichen hin und her.

Xavers hatte seinen großen Geländewagen direkt neben den Haselsträuchern geparkt. Nur Stadtverkehr gewöhnt, prüfte er misstrauisch den Lack unter den Schlammspritzern.

Arno war nie mit dem Auto heraufgekommen. Wir waren immer zu Fuß den schmalen Waldweg entlang gegangen. Auch wenn uns das letzten Winter nicht leicht gefallen war. „Die schweren Autos verdichten den Waldboden“, hatte er erklärt, als wir uns am Stamm der Eiche ausruhten.

Xaver öffnete die hintere Tür des Wagens und holte seine Neuerwerbung hervor. Eine lange Stange, an deren unterem Ende eine tellerartige Scheibe mit trichterförmigen Öffnungen befestigt war. Er hängte sich den Tragegurt über die Schulter und betätigte einen Schalter. Sogleich begann der Apparat zu piepsen. Ich spitzte die Ohren, zog die Lefzen hoch und schaute unruhig zu Xaver. Doch Xaver ließ seine Augen nicht von dem Gerät. Er senkte die Scheibe und führte sie über den Boden. Dann ging er schnellen Schrittes in Richtung der großen Steineiche. Das Piepsen wurde lauter.

In einer kreisförmigen Zone um den Baum war das Gras braun. Das war eine Brûlé, eine Zone verbrannter Erde. Ein eindeutiges Zeichen für das Vorhandensein der Pilze. Jedes Jahr hatte ich mit Xavers Onkel Arno hier oben Trüffel gesucht. Doch diesen Sommer war Arno gestorben.

Xaver umrundete die Eiche. Weit ausladend schwenkte er den Teller über den Boden. Das Gerät piepste immer aufdringlicher, fast schmerzhaft. In Xavers Gesicht spiegelte sich Begeisterung. Erst nach einer ganzen Weile schaltete er das Gerät aus, griff in seine Tasche und zog eine Sprühdose hervor. Mit schnellen Strichen sprühte er ein feuchtes, rotes Kreuz auf den Stamm der Eiche. Der stechende Geruch von Lack breitete sich aus. Ich schielte auf das Trüffelsuchgerät, doch es schwieg. Xaver tätschelte meinen Kopf. „Na, Ben, das wird eine feine Ernte.“

Eigene Söhne hatte Arno nicht gehabt. Deshalb vererbte er den Trüffelwald seinen drei Neffen. „Städter“, wie er immer sagte, „Städter sind das, aber sie werden schon lernen, wie man Trüffel findet.“

Elf weitere Bäume suchte Xaver ab und markierte sie, dann schaltete er das Gerät endgültig aus. In der Ferne hörte man ein Motorengeräusch. Ungeduldig sprach Xaver in sein Handy, zündete sich eine Zigarette an und wartete.

Die drei Cousins konnten sich nicht einigen. Da keiner wusste, wo die Trüffel lagen, wurde das Land nicht geteilt. Sie setzen fest, dass jeder so viele Trüffeln abbauen durfte, wie er finden konnte. Zoran hatte schon im Sommer gegraben, dabei sind die Trüffel hier erst im November reif. Jetzt war es Anfang November und Xaver wollte als Erster ernten.

Das Dröhnen wurde lauter. Zwei schwere Traktoren fuhren zu uns den Hang herauf. „Da kommt meine Trüffelerntemaschine“, sagte Xaver und ging den Arbeitern entgegen. Seine Maschine roch nach Kartoffeln und verhedderte sich in einem Haselstrauch. Mit der Motorsäge schnitten sie sie frei.

Der Wind verstärkte sich und die letzten Blätter klammerten sich mit Mühe an ihre Zweige. Arno hatte diese Jahreszeit geliebt. Er lauschte mit Vorliebe dem Geräusch, das entstand, wenn sich die Äste der alten Eichen aneinander rieben. „Da hört man die Weisheit der Jahrhunderte“, hatte er bei unserem letzten Besuch gesagt. Heute hörte ich nichts.

Xaver schwenkte sein neues Gerät. „Das Ding funktioniert“, strahlte er. Die Arbeiter schauten sich an, grinsten und meinten mit Blick auf mich: „Und wozu brauchst du dann den Trüffelhund?“ Xaver erwiderte nichts.

In knapp zwei Stunden hatten sie den ganzen Hain durchpflügt. Dort, wo die umgebaute Erntemaschine an den Baumwurzeln hängen blieb, kam die Motorsäge zum Einsatz und die Baggerschaufel des zweiten Traktors füllte die Rüttelmaschine mit der aufgenommenen Erde. Die Ernte betrug knapp zwei Kilo. Das sah nicht nach viel aus, war aber einige Tausender wert. Xaver war zufrieden.

Arno hatte im ganzen letzten Winter nur ein Kilo verkauft. Er grub die Trüffel immer mit der Hand aus. Sein einziges Werkzeug war eine Bürste, mit der er die Trüffel vor Ort grob reinigte. Danach schnalzte er für gewöhnlich mit der Zunge und lobte mich.

Am Fuß der alten Steineiche klaffte jetzt ein großes Loch. Die dicken Wurzeln hatten die Erntemaschine abgewehrt und sie hatten den Bagger eingesetzt. Xaver nickte mir auffordernd zu. Ich sprang in die Grube. Hinter mir hörte ich, wie Xaver an seinem Gewehr hantierte. Der feine Duft von Trüffeln mischte sich in den Geruch der frischen Erde. Ich schnüffelte und sog die Luft genussvoll durch meine Nasenflügel. Nur schemenhaft drang der Knall des Schusses an mein Ohr.