Eine Kurzgeschichte PDF (16KB)


Mein rechter Fuß rutschte von dem nassen Stein und landete im Wasser. Der Gebirgsbach spritzte angenehm kühl, doch meine alten Wanderschuhe waren nicht dicht und so zog ich den Fuß schnell aufs Trockene.

Ich schaute hoch. Majestätisch und erhaben füllte der große Gletscher den oberen Teil des Tales. Doch der alte Gletscher starb. Auf seinen rissigen Flanken lag Ruß und die immer heißeren Sommer zehrten ihn auf. Wie aus einer blutenden Wunde rann das Wasser aus dem Gletschertor.

Seit dem Tod meines Bruders scheute ich keine waghalsigen Unternehmungen und das, was ich heute vorhatte, war gefährlich. Ungewöhnlich gelassen, fast wie in Trance, setzte ich meine Schritte über Kies und gefrorene Schneereste. Aus dem Gletschertor schimmerte das Blau des Eises. Das Schmelzwasser hatte eine Höhle tief in den Gletscher gegraben. Ich hatte nur eine kleine Taschenlampe, doch die Gletscherdecke schien an vielen Stellen Licht hindurchzulassen. Ich schaltete die Lampe daher nicht ein. Vorsichtig auf den glatten Steinen balancierend trat ich durch das Tor. Schlagartig wurde es kälter.

Mein Bruder liebte das Gebirge. Snowboardfahren war seine Leidenschaft. Für sie scheute er keine Gefahr. Fahrtwind und Geschwindigkeit berauschten ihn.

Als meine Augen sich an die Lichtverhältnisse gewöhnt hatten, wagte ich mich weiter vor. Der dunkle, rußbedeckte Eingangsbereich war nur klein. Weiter hinten drangen durch Spalten Sonnenstrahlen in die Höhle und bald gab der sich erweiternde Gang den Blick frei auf eine glitzernde Halle aus hellem Eis.

Zu seinem siebten Geburtstag schenkte ich ihm einen Fußball. Er hatte Talent. Den ganzen Sommer klebte der Ball an seinem Fuß. Auch als er schon längst im Verein spielte, sah man ihn auf der Straße nie ohne. Er war beliebt und hatte Talent. Nur seinetwegen spielten sie jetzt - 10 Jahre später - in der Bezirksliga. Ich riet ihm, zu mir in die Stadt zu ziehen.

Ich betrat die Halle. Meine Wanderschuhe waren durchnässt, doch der faszinierende Anblick des blau funkelnden Saales hielt mich davon ab, es zu bemerken. Plötzlich ein Bersten, Eiszapfen im hinteren Teil der Höhle stürzten sich ins Wasser. Kleine Sturzwellen durchfuhren die Wasseradern. Ich stützte mich auf meinen Eispickel und versuchte, nicht umzufallen.

Diesen Sommer spielen sie ohne ihn. Im Winter kannte er nur eins: Snowboardfahren. Snowboardlehrer wollte er werden. Die immer kürzeren Winter hielten ihn nicht ab. Sogar dieses Frühjahr, als die meisten Lifte schon geschlossen hatten, suchte er nach Herausforderungen. Das um die Jahreszeit ungewöhnlich frühe Tauwetter hatte den Schnee auf den anderen Pisten schon so stark reduziert, dass die Lifte ihren Betrieb eingestellt hatten. Nur hier auf dem Gletscher lag noch genug Schnee. Mit seinen Freunden nahm er die Seilbahn, dann ging es weiter zu Fuß. Erste Schneeflocken, die vom Himmel fielen wurden mit Freude begrüßt, hoffte man, den letzten Schnee noch besser nutzen zu können.

Über dem Bach, der aus der gegenüberliegenden Wand in die Halle strömte, war ein kleiner Vorsprung aus Eis. Das war genau das richtige. Ich begab mich zur linken Eiswand und versuchte Höhe zu gewinnen. Ohne Eispickel ging hier gar nichts. Ich schlug Tritte ins Eis und zog mich am Pickel hoch. Nach schweißtreibendem Klettern erreichte ich den Vorsprung. Der ideale Platz. Man konnte in Gegenrichtung des Wasserstromes tief in den Gletscher schauen. Ein weiterer zerklüfteter Eisgang lag vor mir, zunächst scharfkantig dunkel, weiter hinten jedoch durch goldblau tanzende Strahlen aus Sonnenlicht erleuchtet.

Ich setzte meinen Rucksack ab. Mit klammen Fingern öffnete ich die Riemen und schaute auf den mitgebrachten Ball. Man sah ihm das Alter an. Auf dem abgewetzten Leder klebten nur noch wenige Stücke bröckelnder, weißer Bemalung. An einer Stelle war die Naht in Handarbeit mit groben Stichen verstärkt, so dass der Ball nicht mehr ganz rund war. Ich ließ meine Hand über die vernarbte Stelle gleiten.

In der Ferne hörte man ein Grollen, als würde der Gletscher mühsam etwas verdauen. Die Sonnenstrahlen verschwanden und machten schwarzen Schatten Platz. Mit einem Mal war es viel kälter. Ich zog die Schultern zusammen. So eine große Höhle aus Eis ändert ihre Temperatur nicht mit einigen kleinen Sonnenstrahlen, redete ich mir ein.

Sie waren bis an die Spitze des Gletschers geklettert. Der Schneefall hatte den Boden in frisches Weiß getaucht und die Snowboards glitten leicht wie auf gepudertem Eis. Mein Bruder schwänzelte geschickt einige Kurven und winkte seinen Freunden, ihm zu folgen. In berauschender Fahrt ging es den Gletscher hinab. Auf halber Strecke drehte er sich lachend um, dann setzte er zum Spurt an. Das war das letzte, was seine Freunde von ihm sahen.

Ich wartete. Die Taschenlampe ließ ich ausgeschaltet in der Tasche. Ihre Batterie sparte ich mir für den Rückweg auf. Die Sonne würde wieder hervorkommen und mein Vorhaben ermöglichen.

Zwei Wochen suchten sie nach ihm. Aber er blieb verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt. An der Südseite des Gletschers gab es tiefe Gletscherspalten. Dort, wo sie gefahren waren, gab es zwar keine, aber wer weiß schon, wie sich ein Gletscher verhält. In der dritten Woche gab man die Suche auf. Anfang des Sommers würde man vielleicht mehr wissen.

Ich wartete. Nur das Rauschen des Eiswassers war zu hören. Bevor ich in die Gletscherhöhle gestiegen war, hatten sich am Himmel nur kleine Wolken gezeigt. Es musste also Lücken mit Sonnenstrahlen geben.

Der Sommer kam, aber keine Leiche. Mein Bruder blieb verschwunden. Man erklärte ihn für tot.

Kleine blaue Lichtstrahlen erschienen am Ende des Ganges. Ich starrte hinüber. Sie kamen auf mich zu, wurden größer – weißer – heller. Der ganze unterirdische Gang war jetzt erleuchtet. Ich atmete tief durch. Dann legte ich den alten Fußball vor mir auf das Eis. Ich trat einen kleinen Schritt zurück. So klein, dass ich gerade noch auf dem Vorsprung blieb. Ich konzentrierte mich. Ich bin kein guter Fußballer, aber dieser Schuss musste sitzen. Ich trat zu, der Ball flog, segelte scharf an den Eiszapfen vorbei und verschwand am Ende des Ganges in einer tiefen Spalte.

Von irgendwoher ratschte es, klirrte es. Rrr, Trrr, Torrr. War es meine Stimme oder mein Echo? „Tor“, hallte es durch den Gang und die weiße Halle hinter mir. „Tor.“